In der Klangkathedrale

Repetitiver Jazz? Allerdings!

Ein regelmäßig wiederkehrendes, in Endlosfolge hintereinander gespieltes musikalisches Motiv heißt im Jazz „Vamp“. Es ist als Fundament für die Improvisationsgebirge der Solisten gedacht und wird nur selten wie ein Loop in der elektronischen Musik eingesetzt.

Das bekannteste Beispiel eines konsequent durchgespielten Vamps findet sich in dem Megaklassiker „Take Five“ (auf „Time Out“, 1959) des Dave Bruebeck Quartets. Das Endlosspiel des Pianisten Brubeck macht den ungewöhnlichen 5/4-Takt für die Hörer leichter erfahrbar und ist sicher ein Grund für den Erfolg des Stücks.

Ein weniger bekanntes Beispiel für Wiederholungsstrukturen im Jazz ist das Latin-Thema aus „Catta“ (auf „Dialogue“, 1965) von Bobby Hutcherson. Auch hier ist das kraftvolle Piano (von Andrew Hill, dem Komponisten des Stücks) die Stütze des Vamps, der wie ein fußlahmer Tänzer immer ein paar Halbtonschritte vor oder nach dem Schönklang um sich selbst wackelt.

Ein drittes Beispiel ist „Shhh/Peaceful“ (auf „In a Silent Way“, 1969) von Miles Davis, das der heutigen Auffassung eines Tracks aus Loops am nächsten kommt: Einige musikalische Motive werden über 18 Minuten in verschiedener Abfolge wiederholt. Doch die Nähe zu Elektronika zeigt sich noch in einem zweiten Punkt: Das Stück besteht aus Samples verschiedener Takes, die Produzent Teo Macero zum endgültigen Stück zusammensetzte.

Das Ergebnis ist ein Kunstprodukt und trotzdem ein organisch wirkendes, hypnotisch meditatives Kunstwerk; ein Klanguniversum, das zu einem entspannten Ausflug mit geschlossenen Augen einlädt, während gleichzeitig die zurückhaltend-nervösen Improvisationen ein flirrendes Arousal im Hirn aufladen.

Diese Gleichzeitigkeit von Anspannung und Entspannung, von Wallung und Lockerung zeichnet auch den „Zen Funk“ des Quintets Nik Bärtsch’s Ronin aus. Die Stücke sind in einer an Terry Riley und andere Vertreter der Minimal Music erinnernden Art und Weise aus durchnummerierten Modulen aufgebaut — musikalischen Themen, die durch Verkettung, Schichtung und Verschmelzung zu einer weit aufgespannten Klangkathedrale aus Loops und Grooves werden.

Bärtsch und seine Musiker haben in verschiedenen Bands und unterschiedlichen Besetzungen mehr als ein halbes Dutzend Alben eingepielt — für das eigene Label und zuletzt zwei CDs für ECM. Die Musik der Schweizer entwickelt sich kontinuierlich weiter. Die frühen Alben betonen einen asketisch wirkenden Zen-Minimalismus und komplexe, perkussive Wiederholungsstrukturen. Die beiden ECM-Alben sind hörbar anders, vor allem das neue Werk „Holon„. Hauptelement ist hier ein sacht pulsierender Groove, dessen meditative Wirkung von dem hauchdünn mit Reverb bedampften ECM-Sound noch verstärkt wird.

Pflichtkauf? Allerdings!

Nik Bärtsch’s Ronin – Stoa | Holon

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