Wameru Study Center

Mit 6 war ich angehender Buschdoktor und hatte einen eigenen Tierpark. Elefanten, Braunbären, Pferde, eine zu klein geratene schwarzbunte Kuh, einen knuddelweichen Affen und ein getigertes Hauskätzchen, das ich in einem Akt des Nominalismus zum Löwen ernannte. Nur eine Giraffe fehlte mir lange Zeit. Da Löwen in meiner Vorstellung harmlose, schielende Lebewesen waren, beeindruckten mich die stelzbeinigen Langhälse viel mehr – vor allem, weil schon die Kälber größer waren als ich zu dieser Zeit.

Doch eines Tages war es so weit, Tante Milli schenkte mir die Giraffe. Sie hatte halb Remscheid auf den Kopf gestellt, um ihrem Lieblingsgroßneffen n-ten Grades (Wir waren nur äußerst indirekt verwandt) solch ein Tier zu organisieren. Tante Milli ist übrigens einen eigenen Roman wert. Als geborene und überzeugte Remscheiderin sprach sie lupenreines Platt, trug immer Topfhütchen und sagte den legendären Satz „Wir hatten ja nichts“ in vollem Ernst, wenn sie von der „schlechten Zeit“ erzählte. Sie war kinderlos und versorgte mich gerne mit Bergen von „Bomböschen“ (Bom-bös-chen gesprochen), einem typisch bergischen Gebäck, das oft mit den sehr ähnlichen Muzemandeln verwechselt wird.

Und so schob ich mit meiner Stoffgiraffe ab, konnte mich für einige Tage kaum von dem Tier trennen. Auch vor den Fernseher nahm ich sie mit. Ich durfte mit 6 nur wenige Sendungen sehen. „Daktari“ war irgendwas mit Tieren und deshalb als harmlos eingestuft. Ich fand die Geschichten um Dr. Tracy, seine Tochter Paula, den Löwen Clarence und die Schimpansin Judy unglaublich aufregend, da dort praktisch immer irgendwelche spannenden Dinge passierten. Auch ich wollte Tierarzt in Afrika sein; vor allem das wild hoppelnde Fahren in einem offenen Jeep mit herunter geklappter Frontscheibe hatte es mir angetan.

Ganz besonders aufregend fand ich die unheimlich-exotische Suspense-Musik: Immer, wenn dieser unruhige klirrend-schnarrende Sound ertönte, passierte etwas ganz besonders Spannendes. Ich habe ihn sofort wiedererkannt, als ich vor einiger Zeit das Album „Daktari“ von Shelley Manne im Plattenladen entdeckt habe. Wenn ich diese Platte höre und die Augen schließe, kann ich für ein paar Sekunden wieder in den Sechsjährigen hineinschlüpfen, der nichts lieber als eine Stoffgiraffe haben wollte.

Shelley Manne – Daktari

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