Helden von früher: Chick Corea

„Some time ago I had a dream.“ Es ist Herbst 1979. Ich bin 16, habe gerade meine Ausbildung angefangen und das erste selbstverdiente Geld auf meinem ersten eigenen Girokonto. Bisher habe ich vorwiegend Progressive Rock gehört — eine krude Mischung aus Alan Parsons Project, Barclay James Harvest, Genesis, Jethro Tull, Manfred Mann, Pink Floyd und Supertramp. Doch nun will ich Neues ausprobieren. Damien, der ältere Bruder meines engsten Freundes Valerian, ist Pianist und hört viel Jazz und Funk. Ich bewundere Damien. Er bewegt sich mit einer lässigen Eleganz durch das Leben, die mir vollkommen fehlt. Also beschließe ich, Jazz zu hören. Guten Jazz.

Doch ich benötige Informationen und kann niemanden fragen, denn ich möchte mit lässiger Überlegenheit sagen können, dass ich alleine darauf gekommen bin, guten Jazz zu hören. Die Lösung für meine Probleme ist der große Zeitschriftenladen im Eingangsbereich des Einkaufszentrums neben der Autobahnauffahrt. Und so blättere ich in allen möglichen Magazinen und bleibe schließlich bei „konkret“. Aus zwei Gründen: Mir gefällt die politische Radikalität des Blattes und mir gefällt, dass es dort ganzseitige Anzeigen eines Versandladens gibt, der auch Bücher und Comics anbietet — vieles davon ausführlich kommentiert.

Ich bestelle eine Platte, deren Cover mich anspricht: Ein großer Vogel, vielleicht ein Seeadler, fliegt über das Wasser und berührt mit der linken Flügelspitze die Oberfläche. Als ich die Platte in Händen halte und auflege, passiert etwas in meinem Leben. Die Musik hat mich förmlich erschüttert; eine existenzielle Platte, nach deren ersten Hören ich nicht mehr derselbe war.  Gleichzeitig tänzerisch und entspannt, gleichermaßen anspruchsvoll und mit sakraler Klarheit. Ich höre vibrierende, zitternde Melodien auf dem Rhodes-Piano, Jazz mit tänzerischem Groove und überirdischem Gesang. „It was happy, it was lasting, it was free.“

Chick Corea — Return To Forever

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