Helden von früher: Wayne Horvitz

Es ist Pfingsten 1987. Die Tage sind heiß und sonnig. Doch jetzt, am Montag, gegen zehn Uhr, ist es noch recht angenehm im Freizeitpark Moers, dem Schauplatz des New Jazz Festivals. Wie jeden Morgen besuche ich die Projekte in der Musikschule. Ich muss nicht sehr weit gehen, mein Schlafplatz ist auf einer Turnmatte in der Sporthalle des Gymnasiums neben dem Festivalgelände. Mein Ziel ist das „New York Composers Project“, auf dem einige meiner Lieblingsmusiker spielen — die Pianisten Robin Holcomb und Wayne Horvitz, der Posaunist Jim Staely, der Bassist David Hofstra und der Drummer Robert Previte.

Die Morgenveranstaltungen auf dem New Jazz Festival sind keine richtigen Konzerte, sondern Workshops; eine Kreuzung aus Generalproben vor Publikum und Improvisationsübungen. Die verschiedenen Gäste dieser Sessions interpretieren ihre Aufgabe sehr unterschiedlich, die New Yorker bieten eine Meditation über komponierte und improvisierte Musik. Sie sind in Personalunion Komponisten und Improvisateure, mischen Jazz, Neue Musik und alle Spielarten von Popmusik — immer auf der Suche nach neuen Sounds.

Am dritten Tag steckt uns allen die sonntägliche African Dance Night in den Knochen. Kamen schon an den ersten beiden Projekttagen höchstens 80 Leute, so finden jetzt vielleicht zwei Dutzend Musikbegeisterte den Weg in den kleinen Saal. Mit einiger Selbstverständlichkeit setze ich mich an diesem Morgen sofort an die schmale Säule zwischen den bodentiefen Fenstern, stelle den Kaffee im Pappbecher vor mich auf den Boden und drehe mir eine Zigarette. Der einzige Musiker, der um diese Zeit schon hier ist, ist der unermüdliche Dave Hofstra, der sich Kaugummi kauend auf einem der Stühle lümmelt. Sein Bass liegt nachlässig auf die Seite gekippt hinter ihm.

Ein rotäugiger Wayne Horvitz tritt in den Raum, schaut sich kurz um, lächelt und nickt mehrmals anerkennend in Richtung der Dauergäste der vergangenen Tage. Horvitz setzt sich hinter den Flügel, klappt ihn auf und grinst in Richtung Drumkit. Dort sitzt inzwischen der unrasierte und bleiche Bobby Previte. Hofstra richtet den Bass auf und hängt sich angestrengt kauend darüber. Horvitz murmelt irgendetwas, die beiden anderen Musiker nicken, er beugt sich noch kurz zum Mikro vor: „It’s only Jazz.“ Dann spielen die drei eine sehr lange, ziemlich leise und reduzierte, aber trotzdem wilde Version von Sonny Clarks „Cool Struttin“.

Es ist unmöglich, die intime, an Exzerzitien in einem Zenkloster erinnerende Atmosphäre der drei Livesessions in Moers auf einer Schallplatte einzufangen. Im gleichen Jahr ist ein Album erschienen, das einer solchen Aufnahme recht nahe kommt. „Nine Below Zero“ ist eine sehr asketische, an Ambient-Musik und (nicht nur wegen des Covers) frühe ECM-Aufnahmen erinnernde Einspielung der Musik von Wayne Horvitz, Butch Morris und Robert Previte. Sie entstand in einem Studio unter Livebedingungen, ohne Overdubbing und Multitracking. So ungefähr haben sich die ersten beiden Sessions angefühlt; „Cool Struttin“ ist eine andere Geschichte.

Wayne Horvitz – Butch Morris – Robert Previte — Nine Below Zero

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