Wen die Götter beneiden

e.s.t. esbjörn sevnsson trio - retrospective

e.s.t.  — das Esbjörn Svenson Trio — hat genau den Jazz gespielt, den ich heiß und innig liebe: Seelenvoll, groovy, trickreich und offen für Ausflüge abseits der ausgetretenen Pfade; aber niemals betoniert und borniert. Auf dem neuen und allerletzten e.s.t.-Album gibt es einen schönen Rückblick auf die wenigen Jahre mit dieser Band. Es ist eine musikalische Reise durch Drum&Bass-inspirierten Ambientjazz, Triostücke mit einem perlenden Leadpiano für die Kopfnickerfraktion und schließlich das Titelstück des letzten Albums „Leucocyte“ — ein großer Wurf, noisy und dreckig, in zwei Tagen freier Studiozeit von Esbjörn Svensson (Piano), Dan Berglund (Bass) und Magnus Öström (Drums) hinreißend aus dem Ärmel improvisiert.

e.s.t. – retrospective

Esbjörn Svensson — 16. April 1964 – 14. Juni 2008

Nilsi Loves Music

Mein kleiner Sohn ist jetzt neun Monate alt und ich habe ihm an einigen Abenden einfach mal ein bißchen Musik vorgespielt, von der ich dachte, dass sie für ein Baby angenehm zu hören ist. Dabei habe ich Nils getragen — einerseits, um ihm die rotierenden Vinylscheiben zu zeigen, damit er den plötzlichen Sound aus meinen sehr knackig klingenden Genelec-Boxen nicht unheimlich findet und andererseits, um mit ihm zu tanzen.

Letzteres hat übrigens so gewirkt, wie ich vermutet habe: Nils hat sich sehr, sehr entspannt und ist während der zweiten Plattenseite fest eingeschlafen, so dass ich ihn ohne weiteres ins Bett legen konnte. Doch vorher hat er noch die Musik in sich aufgenommen: Erst hat er von den Plattenspielern zu den Boxen und zurück geschaut und sich hin und her gereckt.

Als er begriffen hatte, das die schwarzen Rotationskörper und der Klang zusammengehören, hat er sich ruhig an mich gedrückt und der Musik aufmerksam zugehört. Ich habe nur wenige Platten ausprobiert, aber bereits am zweiten Abend festgestellt, das er prägnante Passagen sofort (also nach sehr wenigen Takten) wiedererkennt.

Hier also die Playlist:

Fleet Foxes — Fleet Foxes
Van Morrison — Moondance
Neil Young — After the Goldrush
Prefab Sprout — Steve McQueen
Cowboy Junkies – The Trinity Sessions

Inselversionen

Fat Freddy's Drop - Dr. Boondigga & the Big BW

Jetzt hat es auch mich erwischt: Ich liebe den neuseeländischen Dubreggaejazz von Fat Freddy’s Drop„, nur echt mit fettem Bass, Wiegebeatz und dem ebenso hinreichenden wie notwendigen musikalischen Ekklektizismus, den sie auf ihrem neuen Album abliefern. Auf Myspace gibt es die ersten drei Stücke der LP in der richtigen Reihenfolge zu hören. Also: Kopfhörer auf, Volumeregler hochziehen und dann die Ohrmuscheln fest andrücken. Und als Gilbert-Shelton-Fan der ersten Stunde (zumindest in meinem Heimatdorf) mag ich auch das vollkommen aus der Zeit gefallene Wimmelbild-Cover, dessen Bedeutung sich kompetenteren Freak Brothers-Lesern als mir sicher sofort erschließen wird. Hab ich noch was vergessen? Genau: Kaufbefehl!

Fat Freddy’s Drop – Dr. Boondigga & the Big BW

Knistern und Brausen

Moritz von Oswald Trio - Vertical Ascent

Knister-Ambient? Frickel-Elektronik? Robotik-Freejazz? Zeitlupen-Dubtechno? Keine Ahnung, wie sich das Genre nennt, aber die 4-Track-EP „Vertical Ascent“ des Moritz von Oswald Trios hat mich; vor allem die beiden ziemlich tricky pulsierenden Stücke „Pattern 1“ und „Pattern 3“. Lustig, dass dieses ziemlich anspruchsvolle Elektronikwerk ebenso wie das Album des Hypnotic Brass Ensemble und eine ganze Serie liebevoll in dickes Vinyl geschnittener Moondog-Platten bei Honest Jon erschienen ist. Lustig vor allen Dingen deswegen, weil ich mit dem Britpop des Label-Teilhabers Damon Albarn eigentlich nichts anfangen kann — da sind mir zu viele Gitarren im Spiel.

Moritz von Oswald Trio — Vertical Ascent

Hypnotic Underground

Hypnotic Brass Ensemble Es hat ein wenig gedauert mit dem offiziellen Debut des Hypnotic Brass Ensemble. Nach einigen selbst vertriebenen EPs musste sich erst Damon Albarn in den Livesound des Oktets verlieben, damit bei Honest Jon ein professionell produziertes Album als CD, MP3 und Vinylplatte erscheinen konnte. In der Brassband spielen neben dem Schlagzeuger sieben Brüder, nämlich die Söhne des Trompeters und zeitweiligen Members of the Sun Ra Arkestra, Phil Cohran. Er gehörte Mitte der 1960er Jahre zur den Gründern der „Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM)“, einer Vereinigung von Freejazz-Musikern, die sich unter anderem der Nachwuchsförderung verschrieben hat. Die jungen Musiker kommen jedoch aus einer anderen Tradition — aber es ist vielleicht besser, sie zu hören. Wenn sie nicht gerade auf einer Welttournee durch Europa sind, stehen sie regelmäßig auf irgendeinem Platz oder U-Bahnhof in New York oder Chicago und geben ein Free Concert.

Hypnotic Brass Ensemble

Graue Masse

Wie klingt es, wenn ein Streicherensemble das Feuern der Neuronen in unserem Neocortex spielt? Wie kammermusikalische Capriccios größter Intensität, wie „Cortical Songs“. Die viersätzige Komposition von John Matthias und Nick Ryan basiert auf einer Theorie über die Arbeitsweise unseres Gehirns. Ein entsprechend programmiertes neuronales Netz erzeugt die Spielanweisungen für die Musiker — unter Livebedingungen, so dass jede Einspielung des Stücks anders ist. Das Album ist bei Nonclassical Records erschienen, zu dessen Label-Philosophie es gehört, die Werke junger Komponisten von Elektronika-Produzenten remixen zu lassen. Doch Nonclassical ist nicht nur ein Label, es ist auch eine recht erfolgreiche Club Night in London. Hier wird die europäische Konzertmusik aus dem bürgerlichen Kontext des schweigend zuhörenden Publikums gelöst. Es darf gegessen, getrunken, geredet, gelacht und vor allem getanzt werden. Es darf aber auch zugehört werden — vor allem bei den Cortical Songs, die immer neu durch die graue Substanz unseres Großhirns rauschen.

John Matthias & Nick Ryan – Cortical Songs

Das kammermusikalische Paradigma

Gabriel Prokofiev, String Quartet No. 1 Zu den Klängen, die mich aufstören und begeistern, gehören auch Streichquartette: „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert, „Company“ von Philip Glass und „String Quartet No. II“ von Michael Nyman. Und seit einiger Zeit die Streichquartette von Gabriel Prokofiev. Der Komponist (Enkel von Sergeij) arbeitet an dem Versuch, europäische Konzertmusik des 20. Jahrhunderts und aktuelle Elektronika-Genres zusammenzuführen. Dafür hat er das  Label Nonclassical gegründet und veröffentlicht unter Pseudonym Dance- und Electronica-Tracks. In der Szene junger Komponisten von Neuer Musik ist er bekannt geworden mit Stücken wie „Concerto for Turntable & Chamber Orchestra“, „3 Dances for Quintet & DJ“ und diesen beiden Streichquartetten.

Gabriel Prokofiev, String Quartet No. 2

Zum Konzept der Streichquartette gehört es, das vom Elysian Quartet eingespielte Material anderen Musikern zum Remixen zu geben und die — ausnahmslos überdurchschnittlichen — Ergebnisse gleichberechtigt auf dem Tonträger zu veröffentlichen. Gabriel Prokofiev steuert auf jedem der beiden Alben einen eigenen Remix bei — einmal Hiphop-, einmal Non-House-Remix genannt. Diese Tracks spielen mit Rhythmik und Minimalismus, so dass der Klangschnipsel eines Streicherpizzicatos nach etwas Soundediting zum Mainbeat eines Dancetracks wird. Konzeptionell und musikalisch befinden sich diese beiden Alben weit jenseits des Üblichen, und sie zeigen Prokofievs Meisterschaft bei der Komposition und Rekomposition für das Streichquartett, den paradigmatischen Klangkörper der Kammermusik. Kaufbefehl!

Nordic Jazz Thing

Geir Lysne Listening Ensemble - The Grieg CodeKlassik goes Jazz? Da gehe ich normalerweise lieber aus dem Weg. In diesem Fall ist es jedoch anders, denn bei dem sehr umtriebigen Label ACT ist eine kongeniale Produktion erschienen, die alle Klischees vermeidet. Keine zwitschernde Morgenstimmung also. Im Gegenteil, es ist echter Nordic Jazz mit unterkühlten, horizontlosen Klanglandschaften und einem satten Groove.  Der norwegische Saxophonist, Komponist und Bigband Leader Geir Lysne bearbeitete für eine Auftragsarbeit die Musik des norwegischen Romantikers Edvard Grieg. Er legte die Kompositionen unter das Jazzmikroskop und präparierte vorsichtig einige Elemente heraus. Durch Verfremdung, Transponierung, Time-Stretching, kantige Phrasierung und vor allem das voluminöse, in allen Klangfarben schillernde Spiel seines 13köpfigen „Listening Ensembles“ entstand ein Bigband-Werk mit einem völlig eigenen Charakter. Zusammen mit dem „Andromeda Mega Express Orchestra“ und  „Darcy James Argue’s Secret Society“ die Brassound-Entdeckung des Jahres für mich.

Geir Lysne Listening Ensemble — The Grieg Code

Kleine Soziologie des Ensemblespiels

The Andromeda Mega Express Orchestra - Take OffDas nenne ich Eklektizismus reinster Sorte: Musik wie aus einem Tex Avery Comicfilm, die Theatralik des Sun Ra Arkestra, das orchestrale Geflirre Bela Bartoks oder Anton Weberns und das Ensemblespiel der Swingtime mit ganz viel musikalischer Kraft zu einem Cocktail mischen und das alles dem geneigten Hörer mit einem multinationalen, 20köpfigen Orchester aus Jazzern und Klassikern überreichen. Fantastisch. Umwerfend. Charmant. Das „Andromeda Mega Express Orchestra“ des Komponisten Daniel Glatzel ist der Versuch, einfach mal was Neues und Eigenes zu machen. Er sucht seine Vorbilder nicht dort, wo sie im Postjazz gemeinhin herkommen und so ist „Take Off“ ist eine irrwitzig energiereiche Platte, die mir die Kopfhörer an den Ohren festgebrannt hat — das passiert nicht alle Tage, so dass ich es hiermit öffentlich dokumentiere.

The Andromeda Mega Express Orchestra — Take Off

Und live sieht das Ganze so aus: