Elektronisches Doppel

Lässig vor sich hin groovender Techno; mit federnden Beats, knackigen Klangflächen und fabulösen Arpeggios. Das neue Album „Mango“ von Sascha Funke zeigt den Berliner Technogott in Bestform. Funke gehört zu den wenigen Producern, die ein ganzes Album mit organisch wirkenden Klängen abliefern können. Es wird zu keinem Zeitpunkt langweilig und groovt wie die Hölle. Das manchmal leicht melancholisch wirkende Album ist wie geschaffen für diesen Sommer 2008, der uns schon so oft im Stich gelassen hat.

Ein wenig erinnert mich „Mango“ an das Album „Late Bloomers“ von Guy Gerber. Während einer sehr arbeitsreichen Phase im letzten Jahr erfreute es mein Hirn via Kopfhörer, beinahe in Endlosschleife. Gerber bietet einen locker swingenden, von Deep House und Ambient beeinflussten, intelligent arrangierten Klangteppich. Kein ass-kickendes Geballer, kein Konzentration forderndes Gefrickel — einfach genau die richtige Platte zur Zeit.

Sascha Funke – Mango
Guy Gerber – Late Bloomers

Jenseits des Studios

Wirklich gute Live-Alben sind selten. Meist ist es besser, das Geld dafür in ein Konzert zu investieren. Dies hier ist eine der seltenen Ausnahmen. Das irgendwo auf der Schnittstelle von Pop, Elektronik und Jazz balancierende Cinematic Orchestrea hat es nicht nur geschafft, die wunderschöne Jazz/Pop-Elektronik seiner vier Studio-Alben in einem grandiosen Konzert aufzuführen, sondern dieses Konzert auch noch in einem genialen Live-Album festzuhalten. Hier klingt kein Stück so wie auf der Platte, sondern ganz anders und neu interpretiert. Die schwermütige Kanzone „To Build A Home“ zum Beispiel wird zu einer Folk-Ballade, das Ambient-Soundscape „The Man with the Movie Camera“ zu live gespieltem Drum&Bass mit Snaregewittern und subsonischem Grummelbass. Kurz und gut: Live bietet das Cinematic Orchestra Spielfreude und Impovisation — aber vor allem Jazz abseits aller Klischees.

The Cinematic Orchestra – Live at the Royal Albert Hall

Wameru Study Center

Mit 6 war ich angehender Buschdoktor und hatte einen eigenen Tierpark. Elefanten, Braunbären, Pferde, eine zu klein geratene schwarzbunte Kuh, einen knuddelweichen Affen und ein getigertes Hauskätzchen, das ich in einem Akt des Nominalismus zum Löwen ernannte. Nur eine Giraffe fehlte mir lange Zeit. Da Löwen in meiner Vorstellung harmlose, schielende Lebewesen waren, beeindruckten mich die stelzbeinigen Langhälse viel mehr – vor allem, weil schon die Kälber größer waren als ich zu dieser Zeit. „Wameru Study Center“ weiterlesen

Könnte Jazz sein

Elektronische Musik — das ist Neueste Musik mit einer großen, fast ins Unendliche reichenden Bandbreite. Das Spektrum beginnt bei Reisen durch Klanglandschaften aus zart knisternden Sounds und endet bei schweißtreibenden Stompern mit mächtig viel Wumm. Irgendwo dazwischen steht Hannes Strobl und schickt uns mit dem Nachtzug nach Berlin. Er sorgt dabei für ausreichend viel Ruhe. Die Tracks seines aktuellen Albums haben Zeit, unglaublich viel Zeit. Langsam zieht die Musik am Ohr vorbei, ist mehr Landscape als Ambient. Früh am Morgen kommen wir an, stehen langsam auf, strecken die Glieder und widmen uns unseren Aufgaben. Der Bassist Strobl gründet mit Stimmwunder und Noise-Music-Legende David Moss und dem Schlagzeuger Hanno Leichtmann die Impro-Gruppe „Denseland„.

Hannes Strobl – Nachtzug Berlin

In der Klangkathedrale

Repetitiver Jazz? Allerdings!

Ein regelmäßig wiederkehrendes, in Endlosfolge hintereinander gespieltes musikalisches Motiv heißt im Jazz „Vamp“. Es ist als Fundament für die Improvisationsgebirge der Solisten gedacht und wird nur selten wie ein Loop in der elektronischen Musik eingesetzt.

Das bekannteste Beispiel eines konsequent durchgespielten Vamps findet sich in dem Megaklassiker „Take Five“ (auf „Time Out“, 1959) des Dave Bruebeck Quartets. Das Endlosspiel des Pianisten Brubeck macht den ungewöhnlichen 5/4-Takt für die Hörer leichter erfahrbar und ist sicher ein Grund für den Erfolg des Stücks. „In der Klangkathedrale“ weiterlesen

Jenseits des Tanzbodens

Jazz bedeutet für mich in erster Linie Offenheit — für neue Entwicklungen, für einen Blick über den Gartenzaun, für Improvisation und Experiment, für neue Klänge und ungewöhnliche Musik. Interessant finde ich vor allem Musiker, die sich nicht um Purismus scheren und für Überraschungen gut sind. Ashley Wales und John Coxon gehören auf jeden Fall dazu. Die beiden treten seit Anfang der 1990er Jahre als Spring Heel Jack auf, unterstützt von wechselnden Begleitmusikern. Kennengelernt habe ich sie 1996 als innovative Drum&Bass-Producer. Einer meiner Lieblingstracks aus diesem Genre ist ihr Uptempo-Kunstwerk „Islands Version„. Aber die D&B-Euphorie ist schon lange vorbei und auch Spring Heel Jack haben sich musikalisch weiterentwickelt. Das neue Album heißt „Songs & Themes“ und es ist penibel am allgemeinen Loungejazz-Wahn vorbei produzierter kammermusikalischer Jazz — ein bißchen melancholisch, zwischendurch auch krachig und ausgesprochen free-minded; am besten über Kopfhörer zu genießen.

Spring Heel Jack – Songs & Themes

Die Kunst des Trios

Das Trio aus Piano, Bass und Schlagzeug ist die typische Jazzinstrumentierung. Ein solches Trio sieht aus wie Jazz, klingt nach Jazz, wird von allen für Jazz gehalten und ist im Grunde die langweiligste Form von Jazz, die ich mir vorstellen kann. Ein Trio ist typischer, nach typischem Jazz klingender Barjazz für Leute, die in einem weiß gekachtelten, veganen Stehrestaurant vor dem Sex mit ihrer Salatblätter mampfenden blonden Modelfreundin gerne noch ein wenig unaufdringlichen, aber typischen Jazz hören möchten. Oder so. „Die Kunst des Trios“ weiterlesen

James Last in Los Angeles

Natürlich gab es einen Partyraum im Keller. Die Treppe hinunter, dann geradeaus, durch die schmale Türe hindurch. Eine kleine Katakombe; Wände und Decke mit heller Tanne vertäfelt und hinter dem Holz Schallschutzmatten, um die Nachbarn nicht zu stören. Hier wurde alle paar Wochen gefeiert, immer in kleinem Kreis, denn mit acht Personen war der Raum schon überfüllt. Da praktisch alle Leute damals rauchten, als ob sie dafür bezahlt würden, war der Duft von frischem Harz schon nach der fünften oder sechsten Feier weg. Jetzt roch es die ganze Zeit wie nach der Party — als sei der letzte Bläsersatz gerade verklungen und der Plattenspieler drehe langsam aus. „James Last in Los Angeles“ weiterlesen

Schmerzjazz

The Budos Band ist klingt originaler als das Original. Die Kapelle spielt 70er Jahre Crimejazz aus B-Filmen, einmal Blaxploitation und zurück. Diese Band hat sich ganz dem Dreieck aus Funk und Jazz und Soul verschrieben. Das neue, zweite Album verarbeitet zudem Einflüsse aus Afrofunk und Ethiojazz. Wie auch beim Erstling nutzen die Instrumentalisten den warmen, voluminösen Sound der vollanalogen Daptone-Studios in Brooklyn, New York. Sie spielen ihre Stücke wie zu den Zeiten, als noch Blut floß auf Konzerten, als noch Seelen abgefackelt wurden, als die Leute noch schrien bei einem besonders fantastischen Riff. Es geht hier um Wüstenjazz; um heißen, glühenden, lodernden, tosenden Schmerzjazz.

The Budos Band – II