Vom Kopf auf die Füße

Die Elektrifizierung von Jazz ist ein aktueller Trend; meist kommt dabei eine ziemlich soft klingende Abart von Lounge Music mit viel Bossa Nova heraus. Root 70 gehen in ihrem Album „Heaps Dub“ einen umgekehrten Weg, sie spielen elektronische Stücke von Burnt Friedman (a/k/a Bernd Friedmann) akustisch. Und Burnt Friedman entführt die Bänder, jagt sie noch einmal durch seine Filter. Das Ergebnis ist unglaublich funky und klingt wie organischer, schweißdampfender Jazz mit Bläsersätzen wie Rasierklingen. Doch diese Musik besteht aus Wiederholungsstrukturen, wie sie in der elektronischen Musik üblich sind. Kann es eine bessere akustische Verdeutlichung des Begriffs ‚kongenial‘ geben?

Root 70 – Heaps Dub

Wohnzimmerjazz

The Life Force Trio knistert, knirscht, klickert und krackelt. Ein hektisch pulsierender Bass, nervös klirrende Percussion. Langsam schält sich ein elektronischer Beat aus dem Frickeljazz heraus. Das Stück geht über in ein wenig bewegtes, beinahe technoides Largo mit der langsam intensiver werdenden Improvisation eines Streichquartetts. Auch hier wieder die Assoziation, Musik von einem klassischen Jazzlabel zu hören — diesmal ist es ECM. Ich drehe meinen Funkkopfhörer lauter, lehne mich zurück und betrachte die Musik vor meinem Auge. Ich erkenne ein Klavier, ein Rhodes. Ich bin auf eine stille Weise glücklich.

The Life Force Trio – Living Room

Melancholie & Verweigerung

The Cinematic Orchestra arrangiert in bisher vier Alben (Motion, Every Day, Man With the Movie Camera, Ma Fleur) eine lange Reise über den Ozean des Klangs. Das erste Album ist noch ganz einem idealisierten Jazz verpflichtet, so dass es wie ein Impulse-Album klingt, sofern es heute noch Impulse-Alben gäbe. Das zweite Album geht weiter, viel weiter: Es ist Fusion, es ist elektrisch beseelter Blues, es ist ein leicht melancholischer Groove, gemischt mit dem Knistern einer alten Vinylplatte und dem Widerschein von Hip Hop. Das dritte Album markiert einen Übergang, denn die Geschichte vom Kameramann ist ein Moviesoundtrack, eher ein funktionaler Hintergrund als ein Konzert, Music for Showrooms gewissermaßen. Das letzte Album Ma Fleur wirkt durch seine störrische Verweigerung von Sperrigkeit wie ein radikales Gesamtkunstwerk aus sanft swingender Ambient Music; Jazz kurz vor der Selbstauflösung, vor dem Verschwinden am Ereignishorizont.

The Cinematic Orchestra – Ma Fleur